Gore stellt sich bei seinen Vorträgen mit dem Satz vor: „Ich war der nächste Präsident der Vereinigten Staaten.“ Das Publikum lacht über diesen Humor. Dann folgt eine ebenso eindringliche, wie spannend präsentierte wissenschaftliche Beweisführung über die rasante Klimaerwärmung, ihre Ursachen und ihre Folgen. Gore mag vielleicht nichts Neues erzählen, denn Interessierte konnten die Diagramme und Forschungsberichte, sei es über die Gletscherschmelze oder die Erwärmung der Ozeane, bereits in den Medien seit Jahren finden.
Doch Gore beweist, dass ein Vortrag mehr ist als eine Aneinanderreihung von Fakten. Der Mann weiß, wovon er redet: Seit den sechziger Jahren lässt er sich von Wissenschaftlern die Zusammenhänge und Forschungsergebnisse erklären. Er bereiste Forschungsstationen in der Antarktis und im hohen Norden und berichtet sozusagen aus erster Hand. Selten hat man an die Wand projizierte Diagramme über Temperaturmessungen so spannend präsentiert bekommen. Dazwischen wartet der Redner mit Cartoons auf, in denen ein Frosch aus einem Wasserglas gerettet werden muss.
„Eine unbequeme Wahrheit“ hat zwar Spielfilmlänge, doch sind die Vorträge so kompakt und so mitreißend, dass man dankbar für diese umfassende Aufklärung ist und überzeugter davon denn je, dass politisches Handeln zur Reduzierung der Kohlendioxidabgase sofort geschehen muss. Wenn die Klimaerwärmung in den nächsten zehn Jahren so steil nach oben geht, wie bislang, sind Wirbelstürme, Überschwemmungen vieler küstennaher Großräume, und andernorts Dürrekatastrophen sicher. Gore zeigt auf, dass politisches Handeln von jedem Bürger eingefordert werden kann, und zählt auch erste Erfolge in den USA auf. Der Abspann des Films verweist auf eine Internetadresse für weiteres Engagement und zählt mögliche Erstmaßnahmen für den Alltag auf.
Doch die Dokumentation ist viel mehr: Im Off, zu Fotografien aus der Vergangenheit, oder zu Szenen, in denen der Reisende mit Koffer auf Flughäfen begleitet wird, lässt der Film Gore über Wendepunkte in seinem Leben erzählen. Eine warme, nachdenkliche Stimme gibt Auskunft über einen engagierten Professor am College, über einen schweren Unfall des kleinen Sohnes, den Krebstod der Schwester.
Während seiner Jahre im Kongress und als Senator, später als Mitglied der Clinton-Regierung, setzte Gore zahlreiche Anhörungen und Initiativen zur Reduktion der Kohlendioxidemissionen durch. Er spart nicht mit Kritik an der Politik und an verbreiteten Widerständen gerade in den USA gegen angeblich industriefeindliche Maßnahmen. Aber er plädiert eindrucksvoll für Umweltschutz in Verbindung mit technologischem Fortschritt, wie er in anderen Ländern bereits praktiziert wird. Nach seiner politischen Niederlage habe er keinen anderen Weg gesehen, als mit seiner „Slideshow“, wie er seinen professionell bebilderten Vortrag nennt, durch die Lande zu ziehen und die Menschen persönlich zu überzeugen.
In Europa gibt es Parteien, die für ihr Umweltschutzprogramm gewählt werden. In Amerika werden vor allem Persönlichkeiten gewählt. Gore ist eine dieser selten gewordenen politischen Größen, die ihre Karriere Idealen gewidmet haben. Der Film erinnert daran, dass man von Politikern nicht nur Managerqualitäten, sondern auch Visionen für das Allgemeinwohl erwarten darf. Gore, ein unglaublich integerer Mensch, der jetzt erst recht nicht mehr im Verdacht steht, seine Botschaft zu einem persönlichen Vorteil zu nutzen, sagt mit seiner Arbeit: Wenn ich nicht als Präsident die Klimaerwärmung bekämpfen konnte, dann müssen, dann können das Gleiche die vielen einfachen Bürger erreichen.
Quelle:
Cinefacts

